
VÖ online: 24.4.2026
Airdate: 17.4.2026
Erscheint online bei allen Streamingdiensten
Label: Mofapetra-Records – Spielzeit: ca. 37 Min.
Zwischen Poesie und Powerchords
Die Hamburger Schule ist – Standpunkt hier und heute – so etwas wie der Altbau der deutschen Popkultur: etwas abgeranzt, der Putz bröckelt hier und da – aber sie brachte uns eben auch den unverwechselbaren Charme handgemachter Musik und intellektueller Übungen statt schnödem „Baby, I love you so“. Es wurde gedacht, zitiert, reflektiert – und zwar bevorzugt über alles, was einem egal sein müsste, wenn man nicht so schrecklich viel Freizeit hätte, um sich darüber aufzuregen.
Die Zeiten sind vorbei – einerseits. Andererseits aber eben nicht: Denn Lehmanski lässt die Grundidee der Hamburger Schule auf „Strandkorb der Gemütlichkeit“ nochmal nachsitzen, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Es geht nicht nur um den Zweifel, das „Dagegen“ oder ein ambivalentes „Weiß auch nicht!“ als Haltung, sondern – man ist ja auch teilweise erwachsen geworden – hier und da auch ohne intellektuellen Überbau um die schönen Dinge und das leichte Leben. Dieses Spannungsfeld lotet Lehmanski nicht nur mit fluffig-eingängiger Textarbeit aus, sondern vor allem durch stilsicheres Musizieren mit Schmackes.
Ja, er liefert genau das, wofür sein Name inzwischen steht: ehrlichen, melodischen Indie zwischen schrabbelnden Wonneproppen-Gitarren und raffiniertem Songwriting – rau, unmittelbar und garantiert ohne Filter. Nach der Single „NEU NEU NEU“ – erschienen am 2.8.2024 bei Mofapetra-Records – meldet sich Lehmanski jetzt mit neun weiteren Tracks zurück und bestätigt nochmal im Nachhinein die Verkehrsfähigkeit der Jury, die ihm 2023 einen Deutschen Rock- und Poppreis in der Kategorie Beste Alternative-Band zuschrieb.
Und was hört man so? Indiegitarren im Vorwärtsgang, Aufbruchsstimmung, Humor mit Haltung. Die Einflüsse reichen von Tocotronic, Die Sterne und Blumfeld über The Cure und Hüsker Dü bis zu den Pixies und den Wipers. Das alles ist überwiegend „independent“ produziert im Wohnzimmerstudio, also im bekannten (Bl)umfeld aus Kabelsalat und Couchtischmischpult. Aber: Durch die intensive Mitarbeit und das Coaching durch Tonkutscher „Ruebi“ Walter klingt es eben doch reif: Wo nötig, ist der Sound fett und dynamisch. Es kann aber auch gemächlicher zugehen wie bei „Wir sind da, wo wir jetzt stehen“ – dem letzten Lied des Albums, das sich vor allem ruhig, getragen und emotional ausbreitet.
Den Anspruch, keine Sekunde lang zu langweilen, unterstreicht auch die illustre Riege der Mitstreiter*innen, die gemeinsame Sache mit Lehmanski mach(t)en. Und genau das macht „Strandkorb der Gemütlichkeit“ am Ende so fein und langzeittauglich: Es gibt nicht nur das stilprägende Instrumentarium aus Stromgitarren und Drums, sondern wir hören hier und da eine Trompete aufscheinen, ein Saxofon röhren, eine Orgel eiern. So gibt es auch beim zehnten Hördurchgang noch was zu entdecken.
Biografie
Der Lehmanski wuchs im Norden des Ruhrgebiets zwischen Zechen und Kanälen auf. Im Alter von fünf Jahren schlug er die ersten Gitarrenakkorde an. Sein Ziel: „Ich wollte immer Rockmusik machen, obwohl ich das Etikett schon lange etwas peinlich finde.“ Mit dem aufgesetzten Poser-Image einiger Bands kann Lehmanski nichts anfangen. Dafür fühlt er sich im Alternative-Spektrum wohl: Zu seinen Einflüssen und Vorbildern gehören unter anderem Bands wie Die Sterne und Blumfeld, aber auch The Cure, Hüsker Dü und die Pixies oder Afghan Whigs.
In den 2000ern zog Lehmanski nach Hamburg. 2008 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum „Blutige Wiesen“, nachdem es ihn wieder in den Süden, diesmal nach Düsseldorf verschlagen hatte. Von 2013 bis 2020 gehörte er Indierock-Gruppe Herrenmoos an, für die er den Großteil der Songs beisteuerte. 2022 erschien seine zweite Solo-Platte „Du strahlst so schön“. Seinen gitarrenlastigen Sound, den das Ox-Fanzine als „angenehm schrammelig“ beschreibt, nennt Lehmanski selbst IndieProck – ein Mix aus Indierock und Indiepop.
„In den 1980er-Jahren habe ich meine ersten eigenen Songs gemacht – es wurde nie stinknormale Rockmusik. Sie war immer anders. Was mir dann so vorkam, dass ich vielleicht gar keine richtige Musik machen kann“, erzählt der Lehmanski. Fehlanzeige. Seine Titel klingen vertraut und doch völlig anders. Und das fällt auf: 2023 gewann Lehmanski den Deutschen Rock- und Poppreis in der Kategorie „Beste Alternative-Band“ für den Song „Du strahlst so schön“.
Beim Songwriting setzt sich der Lehmanski selbst Grenzen, greift aber immer auf die Gitarre zurück. Mit Effekten geht er sparsam um, mit Melodien setzt er Akzente. Gelegentlich holt er sich andere Instrumente wie Keyboard, Glockenspiel oder Trompete an Bord. Er verzichtet auf Ich-Erzählungen und setzt lieber auf Ironie. Seine Texte handeln zum Beispiel von Narzissmus, Nachhaltigkeit oder vom ganz alltäglichen Wahnsinn.
Der Lehmanski lebt in Düsseldorf und leitet sein eigenes Indie-Label Mofapetra-Records. Für 2025/2026 steht der Release seines dritten Albums an. Auch auf der kommenden Platte wird nix artsy-fartsy, denn als Künstlertypen sieht sich Lehmanski nicht. Er macht halt Musik. Und wie man die hören sollte? „Laut. Immer. Überall“, sagt der Lehmanski.
Fotos